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Literarisches von Alfred Keil alias Angelo Niklas

 

11. Oktober 2020

Alfred Keils Kolumne

... EIN TENNISBALL. Alt und abgegriffen. An manchen Stellen fehlte schon der Filz. Aber er hatte noch keine Luft verloren. Und er sprang höher als ein neuer.

Dieser Tennisball gehörte zu den Heiligtümern meiner Beuerner Knabenfährte. Auch die anderen Straßenjungen mochten meinen Ball, denn er war überaus geeignet zum „Treiben“. Der Name dieses Kräftemessens sagt schon, worum es hier ging. Zwei Gruppen standen sich auf der Hauptstraße gegenüber und versuchten, den jeweiligen Gegner zurückzutreiben. Ein Mitglied der Mannschaft, die den Ball besaß, warf diesen über die „Feinde“ hinweg und nahm ihnen so mehrere Meter ab. So  wogte die Schlacht hin und her. Jede Partei versuchte, die andere zu übertrumpfen. Wer warf am weitesten? Auf welcher Seite standen die stärksten Werfer? Manchmal dauerte es Stunden, bis der Zweikampf entschieden war. Die Strecke verlief vom „Peifesch Lui“ (heute Firma Reuter) bis zum „Ventilchen“ an der Kirche.

Wir starteten beim „Gealderewesch Schuster“ in der Mitte der Distanz. Die Bande, die bis zum „Peifesch Lui“ oder bis zum „Ventilchen“ zurückgedrängt worden war, hatte verloren.

Einmal steckte ich mit meinem Tennisball auch erwachsene Männer an. Diese bildeten auf der Kreuzung Untergasse/Hofgartenstraße einen Kreis und warfen sich den Ball in willkürlicher Reihenfolge zu. Die meisten von ihnen waren Handballer und daher sehr geschickt. Sogar Lehrer Ernst Fuhr stand in diesem Kreis, ein Mann, der infolge seiner Kinderlähmung dem Ganzen gar nicht wirklich folgen konnte. Aber die anderen warfen den Ball, der für ihn gedacht war, ganz sanft und aus kürzester Entfernung. Da sahen wir den strengen Pädagogen endlich einmal lächeln.

Warum wir auf der Straße spielten? Ganz einfach. Nach dem Krieg kam nur alle zwei, drei Stunden mal ein Auto vorbei. Außerdem benahmen sich die Pkw-Fahrer damals ganz anders als heute. Sie fuhren im ersten Gang, wenn sich Menschen oder Tiere auf der Fahrbahn befanden.

Als der Niklas-Babbe und ich zur Bürgermeisterei gingen, wo er etwas erledigen wollte, hatte ich den Tennisball dabei. Ich warf ihn hoch in die Luft und fing ihn wieder auf. Endlich fragte der Vater meiner Mutter nach dem „Treiben“. Und ich sprudelte über vor Begeisterung. Als wir in Höhe „Peifesch Lui“ die Straße überqueren wollten, passte ich nicht auf, und der Ball landete im hohen Gras des eingezäunten Grünstücks auf den anderen Seite. Erschrocken sah ich den Opa an. Der behielt die Ruhe und sagte: „Die Wiese gehört dem Holländer. Wir müssen heute so wie so noch in seinen Laden, für deine Mutter Aufschnitt holen. Dann bitten wir ihn, beim Mähen vorsichtig zu sein, damit die Sense den Ball nicht zersäbelt.“

Der Holländer war der Besitzer der Gaststätte „Holländischer Hof“, zu dem auch besagte Metzgerei gehörte. Der Gastwirt, den seine Zwillings-Töchter Ottilie und Elfriede ausschließlich „Babba“ nannten, versprach mir in die Hand, uns den Ball schon am übernächsten Tag wieder auszuhändigen.

Meine Ungeduld kannte keine Grenzen. Endlich sagte der Großvater: „Komm, Alfred, wir brauchen Rote Wurst. Vielleicht hat Babba Karl deinen Ball schon gefunden.“

Als wir den Laden betraten, lachte uns der Metzger entgegen. Mit beiden Händen ließ er meinen Ball auf der hohen Waage  springen. Plötzlich warf er die Kugel schräg, und sie hüpfte mir an die Brust. „Vielen, vielen Dank, Onkel Karl!“, rief ich und ließ mein Spielzeug bis zur Decke steigen.

„Hier noch was, du Tennisball-Akrobat!“, fügte Karl Sommerlad hinzu und reichte mir ein Stück Fleischwurst. An diesem Tag war die Fleischwurst aber gar nicht so wichtig. Sie konnte mit meinem Tennisball nicht konkurrieren.

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