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Literarisches von Alfred Keil alias Angelo Niklas

 

1. Dezember 2019

Alfred Keils Kolumne

... EIN WEIREGÄSSER. Auf Hochdeutsch: einer aus der Weidengasse. Dieser Begriff entstand während eines  Basketballspiels der Wilden 15 gegen Ende des letzten Jahrtausends in der kleinen Turnhalle der Busecker Gesamtschule. Zwei in die Jahre gekommene Sportler aus der Weidenstraße, früher hieß sie Weidengasse, haben diesen Weiregässer damals so zu sagen erfunden. Sie zielten gar nicht schlecht, doch ständig kam es vor, dass bei ihren Würfen der Ball nicht durch den unten offenen Korb fiel, sondern mehrmals auf dem Ring kreiste und wieder ins Feld zurücksprang. Dann riefen die Mitspieler mit freundlichem Spott: „Noch’n Weiregässer!“

Die Erfinder des Weiregässers hatten noch etwas gemeinsam. Sie hießen beide Alfred. Richtig vermutet: Der eine von ihnen war ich. Der andere, der Ältere, ist in der Zwischenzeit von uns gegangen. Und alles, was jahrelang dienstags und freitags in der Turnstunde passierte, wurde während der Trauerfeier wieder lebendig.

Wir spielten nicht nur Basketball, sondern auch Volleyball und manchmal sogar Fußball. Unser Übungsleiter hieß Rudi Freymann, der in der Blüte seiner Jahre beim VfB Gießen zwischen den Pfosten stand. Auch er weilt nicht mehr unter den Lebenden. Er liebte es, bestimmte Kommandos in unserem Dialekt zu rufen. Dabei gab ich ihm immer Nachhilfe: „Des Irme näit vegeasse! - Das Atmen nicht vergessen!“

Am liebsten spielte ich mit Walter, der früher ebenfalls in der Weidenstraße wohnte, in derselben Mannschaft. Wir waren beide Fußballer und beherrschten den Doppelpass in Perfektion. Walter gehörte als junger Bursche einer Auswahl für die Jugendnationalmannschaft an. Karriere hat er dennoch nicht gemacht. Denn er war zu Hause unabkömmlich, die Eltern brauchten ihn für die Feldarbeit. Und so reichte es „nur“ für das  erste Team des FC Großen Buseck.

Einen Abend werde ich nie vergessen. In 15 Minuten waren mir sechs Körbe gelungen. Dabei hatte ich ständig vom Zuspiel Walters profitiert, der selbst aber nicht ein einziges Mal traf. Wieder hatten wir alle hinter uns gelassen. Ich setzte zum Wurf an, sah aber die wartenden Augen Walters, der meinen Pass dankbar annahm und endlich doch einen Korb erzielte.

Dann rief der Trainer: „Letzter Angriff!“ Der Gegner stürmte. Wir ließen ihn gewähren. Wir lagen ja uneinholbar vorn. Nachdem der andere Rudi, der bei den Weihnachtsfeiern immer ins Nikolauskostüm schlüpfte, vergeben hatte, ertönte der Schlusspfiff. Der andere Rudi war so verärgert, dass er die rote Kugel mit beiden Händen auf den Hallenboden schmetterte. Der Ball stieg hoch, beschrieb einen Bogen - und fiel in unseren Korb. Rudi wurde von beiden Mannschaften gefeiert wie ein Weltmeister. Wir bestanden darauf, dass diese drei Punkte noch zählten.

Nach dem Duschen trafen wir uns alle wieder im „Eck“, in der Fußballerkneipe am Sportplatz, auf dem sich inzwischen der Edeka-Markt breitgemacht gemacht hat. Als alle ihr Bier in der Hand hielten, riefen wir im Chor: „Linke Backe hoch! Rechte Backe hoch! Beide Backen hoch! Und Prooost!“

Natürlich waren mit den Backen nicht die Backen links und rechts der Mundwinkel gemeint, sondern die Backen, auf denen wir saßen, die wir also abwechselnd lüfteten.

Noch ein anderer Abend ist den Senioren des Turnvereins in Erinnerung geblieben. Rudi zwo kam vom Sport nach Hause. Er brach auf dem Hof zusammen, schaffte es aber noch bis in die Küche. Er setzte sich auf einen Stuhl und schloss die Augen für immer.

An all das erinnern wir uns, wenn Walter mit seinem Hund und seinem mit schwarzem Isolierband geflickten Spazierstock bei uns hinter den Weiden vorbeikommt. Wenn er mich erspäht, bleibt er stehen, und ich eile ans Hoftürchen. Dann plaudern wir miteinander. Im Sommer eine halbe Stunde, im Winter zehn Minuten.

 

 

 

 

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