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Literarisches von Alfred Keil alias Angelo Niklas

 

4. Juli 2019

Alfred Keils Kolumne

... EIN WUNDER. Die Deutschen nennen es „das Wunder von Bern“.

Das Wunder von Bern hat nun das Rentenalter erreicht. Denn es geschah vor genau 65 Jahren. Also am 4. Juli 1954 im Wankdorf-Stadion von Bern. Ich höre noch unseren rechten Läufer, den sie auch „Windhund“ nannten, rufen: „Jetzt sind wir wieder wer!“ Und Kapitän Fritz Walter nahm ihn in den Arm.

Der Windhund, das war Horst Eckel vom 1. FC Kaiserslautern, der Einzige, der von dieser Elf noch lebt, die damals gegen die unschlagbaren Ungarn um Ferenc Puskás mit 3:2 gewann und dadurch Fußball-Weltmeister wurde. Historiker haben schon behauptet, nicht der Wiederaufbau, nicht das Wirtschaftswunder, nicht der Erfolg Adenauers, der Moskau dazu bewegte, die letzten 10 000 deutschen Kriegsgefangenen freizulassen, sondern dieser erste deutsche WM-Titel habe die Wiedergeburt Deutschlands eingeleitet. Neun Jahre nach dem dümmsten und grausamsten aller Kriege. Dumm war dieser Krieg vor allem deshalb, weil er von einem Psychopathen begonnen wurde, dem auch die deutsche Intelligenz zu Füßen lag. Alle befolgten plötzlich nur noch Befehle und das mit Jubel und Begeisterung.

Die deutsche Elf hatte gegen die ungarische Wunder-Mannschaft nicht die geringste Chance. Schon im Vorrundenspiel waren die Magyaren mit 8:3 gegen Herbergers Buben siegreich gewesen.

Nach dem 3:8 schickten idiotische deutsche „Fans“ Bundestrainer Sepp Herberger einen Strick, an dem er sich aufhängen sollte, denn Herberger hatte diese Niederlage billigend in Kauf genommen, indem er Ersatzmänner auf den Rasen schickte. Aber in dem entscheidenden Wiederholungsspiel gegen die Türken gerieten die Deutschen in einen Rausch und gewannen mit 7:2.

Fernsehgeräte gab es damals nur vereinzelt. Wir hingen am leinwandbespannten Radio – ich besitze noch eins, mein Dichtervater Frederik Hetmann hat es mir geschenkt – und lauschten dem Reporter und unserem rasenden Herzschlag. Aber am 4. Juli 1954 weilte ich nicht bei meiner Familie hinter den Busecker Weiden, sondern in Bad Dürrheim im Kindererholungsheim des Roten Kreuzes. Hier gab es kein Radio, von einem Fernseher ganz zu schweigen.

Doch dann geschah vor dem Wunder von Bern ein anderes Wunder. Eine Stunde vor Spielbeginn führten die Schwestern ihre Schutzbefohlenen in den großen Speisesaal, der völlig leergeräumt war. Über der Eingangstür knackte der Lautsprecher, und die Stimme der Oberschwester sagte: „Liebe Kinder, ihr werdet gleich das große Endspiel erleben, denn in meinem Zimmer gibt es jetzt ein Rundfunkgerät. Ich lege mein Mikrophon vor dieses Gerät, und ihr werdet Zeugen eines sehr großen Ereignisses. Seid nicht traurig, wenn unsere Fußballer verlieren. Dass sie das Endspiel erreicht haben, ist doch schon ein riesiger Erfolg. Einer von euch muss vorher noch herkommen und mir sagen, ob alles gut zu verstehen ist.“

Wir saßen im Schneidersitz auf dem Fußboden. Mehr als 200 Kinder. Alle mit Blick auf den kleinen Lautsprecher über der Tür. Manche hatten sich noch nicht eingerichtet, da führten die Ungarn schon mit 2:0. Die Enttäuschung wog schwer in meinem Magen. Doch da schossen Morlock und Rahn ebenso schnell den Ausgleich. Wir schauten uns ungläubig an. Neben mir hockte Eberhard, der noch lange nach der Kur mein Brieffreund war. Er stieß mir den Ellbogen in die Seite, und ich verwuschelte sein hellbraunes Lockenhaar.

Der Sprecher Herbert Zimmermann kommentierte mit sich überschlagender Stimme. Hier der Schluss seiner Reportage: „Sechs Minuten noch im Wankdorf-Stadion in Bern. Keiner wankt, der Regen prasselt unaufhörlich hernieder. Es ist schwer, aber die Zuschauer harren nicht (!) aus. Wie könnten sie auch – eine Fußballweltmeisterschaft ist alle vier Jahre, und wann sieht man ein solches Endspiel, so ausgeglichen, so packend? Jetzt Deutschland am linken Flügel durch Schäfer. Schäfers Zuspiel zu Morlock wird von den Ungarn abgewehrt – und Bozsik, immer wieder Bozsik, der rechte Läufer der Ungarn, am Ball. Er hat den Ball – verloren diesmal gegen Schäfer. Schäfer nach innen geflankt. Kopfball – abgewehrt. Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen – Rahn schießt – Tooooor! Tooooor!! Tooooor!!! Tooooor!!!!!“

Und nach dem Schlusspfiff: „Aus, aus, aus – aus! – Das Spiel ist aus! – Deutschland ist Weltmeister!!!“

Die Kinder im Speisesaal waren nicht mehr voneinander zu unterscheiden. Sie umarmten sich, fielen übereinander her. Das sah aus wie ein gigantischer Ameisenhaufen.

Den Text von Herbert Zimmermann lese ich mir manchmal selber vor. Mein Freund Michael hat ihn mir vor ein paar Wochen gemailt. Und ich bekomme jedes Mal eine Gänsehaut.

 

 

 

 

 

 

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