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Literarisches von Alfred Keil alias Angelo Niklas

 

31. Mai 2020

Alfred Keils Kolumne

... EIN BEIFAHRER, der sich „Helmut der Fußgänger“ nannte. Diesen Namen trug er mit Stolz, weil er nur mit den Fingern zu schnipsen brauchte, und schon war ein Lehrling zur Stelle, der ihn kutschierte. Einen Führerschein nannte er nie sein eigen.

Aber er beherrschte noch andere Dinge nicht, die ein Redakteur der Wetzlarer Neuen Zeitung normalerweise gelernt hat. Das Fotografieren, zum Beispiel. Und auch das gute Benehmen gehörte nicht zu seinen Stärken. Er brachte es fertig, seinen gelben Erkältungsschleim vor aller Augen auf den Teppichboden zu rotzen. Ansonsten schrieb er hin und wieder eine kritische Glosse, eben als „Helmut der Fußgänger“. Die Aufmacher, die er veröffentlichte, hatten andere für ihn verfasst. Das waren ausnahmslos Gerichtsberichte, mit denen ihn die Richter oder deren Mitarbeiter regelmäßig versorgten. Der Fußgänger erfand lediglich die noch benötigte Überschrift. Vor den Text setzte er den Städtenamen und sein Kürzel „hw“. Das war so ziemlich alles, was er als Leiter der Wetzlarer Lokalredaktion leistete. Die übrige Zeit saß der riesige Kerl auf nur einer Arschbacke in seinem Sessel und bog dutzendweise Büroklämmerchen gerade. Zudem belauschte er die Kollegen im Großraumbüro beim Telefonieren. Und wenn es ihm in den Kram passte, machte er von dem Gehörten auch Gebrauch. Das Schlimmste von allem aber war, dass er missliebige Schreibtischnachbarn beim Chefredakteur anschwärzte. Aus lauter Angst vor diesem cholerischen Ungarn  versuchte er, seine eigene Unfähigkeit zu tarnen, indem er die Unfähigkeit anderer an die große Glocke hängte.

Helmuts Stilblüten sorgten für Gelächter. Einmal hatte er Folgendes formuliert: „Der Unhold mit dem runden Kopf machte sich im Gebüsch an der jungen Frau zu schaffen. Doch die Polizei kam ihm zuvor.“

Ich feiere den Tag heute noch, an dem ich aus dieser Vorhölle befreit wurde. 1988 wurde ich Leiter der Feuilleton-Redaktion. Ein Traum war in Erfüllung gegangen. Später behauptete der Fußgänger, diese Beförderung habe ich ihm zu verdanken.

Doch bevor ich diese Sprosse erklomm, musste ich sechs lange Jahre einen Menschen ertragen, der nur eins wirklich schaffte: sich ständig als Flegel aufzuführen. Dennoch gelang es ihm, mir ab und zu Sternstunden zu bescheren. Das waren die späten Vormittage, an denen die Redaktion hohen Besuch bekam. Von Anfang an beauftragte er mich, unsere Besucherin in einem gemütlichen Besprechungszimmer zu betreuen und zu 

bewirten. Ihr Name lautete Elsie Kühn-Leitz.

Gleich während ihrer ersten Visite schlief sie ein. Ihre Chauffeurin gab mir zu verstehen, dieser Zustand sei normal und dauere nicht lange. Und tatsächlich, nach zwei, drei Minuten straffte sich ihre Gestalt mit den Worten: „Wie meinen? Ach so, netwahr!“

Das Besondere an ihrem Äußeren waren ihre gestrickten Strümpfe, die in vielen Querfalten ihre langen Beine verhüllten. Aber ich gebe gerne zu, dass ihre Ausstrahlung die einer zerstreuten Königin war. Einer Königin, die mich als Ihresgleichen behandelte.

Schon in jungen Jahren bewegte sie sich wie eine Adlige. Fast schüchtern schob sie mir eine Fotografie herüber. Das Bild zeigte sie beim Walzer mit Konrad Adenauer. Mit Albert Schweitzer verband sie eine enge Freundschaft.

Elsie Kühn-Leitz wurde am 22. Dezember 1903 als Elsy Anna Grace Leitz in Wetzlar geboren und verstarb am 5. August 1985 ebendort. Allein über ihre herausragende Vita mit vielen Ehrungen wurden ganze Bücher geschrieben. Dass sie auch einen Doktor-Titel trug, ist fast schon selbstverständlich. Sie war verheiratet und brachte drei Kinder zur Welt. Ihr Großvater Ernst Leitz I. gründete 1849 die Optischen Werke Wetzlar. Ihr Produkt ist bis heute weltberühmt: die Leica. Die Leica M3 hat mich mein ganzes Berufsleben die Lahn hinauf und wieder hinab begleitet.

Wenige Tage vor Kriegsende rettete meine Gesprächspartnerin Wetzlar vor dem Artilleriefeuer der Amerikaner. Vom höchsten Leitz-Gebäude hämmerte immer noch eine deutsche Flak. Als bekannt wurde, dass der Feind sich mit starken Verbänden der Kreisstadt näherte, nagelte Elsie Kühn-Leitz kurz entschlossen ein Bettlaken an eine Dachlatte, klemmte diese zwischen die Sitze ihres schmucken Kabrios und brauste los. Unmittelbar vor dem ersten Panzer bremste sie, dass die Steinchen auf der ramponierten Straße spritzten, stellte sich auf und rief den Soldaten auf Englisch zu: „Wartet! Wartet! Die da noch schießen, sind aufgestachelte Hitlerjungen! Die haben bald keine Granaten mehr! Geduldet euch! Diese Stadt ist wichtig für die Region! Denkt an die Zeit des Friedens danach! Hier finden viele Menschen Arbeit und Brot! Ihr werdet es nicht bereuen!!“

Die Amerikaner stellten tatsächlich ihre Motoren ab. Elsie Kühn-Leitz kehrte nach Hause zurück, die Flak hörte auf zu schießen. Für Wetzlar war der Krieg zu Ende.

Als die alte Dame aufhörte zu erzählen, stützte sie sich erschöpft auf die Tischplatte. Ihre Begleiterin führte sie behutsam zurück zu ihrem Wagen auf dem Parkplatz.

Die Stunden mit Elsie Kühn-Leitz gehören zu den schönsten meiner Zeit in der Elsa-Brandström-Straße.

 

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