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Literarisches von Alfred Keil alias Angelo Niklas

 

21. Oktober 2018

Alfred Keils Kolumne

... EIN LETZTER TAG. Der letzte Tag meiner beruflichen Laufbahn. Und obwohl ich als Kulturchef im Impressum der Wetzlarer Neuen Zeitung stand, verbrachte ich diesen Tag in der Nachrichtenredaktion. Denn dort stand mein Schreibtisch. Und ab und an hatte ich auch die Seite "Aus aller Welt" zu gestalten.

Dieser Tag gehörte zu den außergewöhnlichsten meines Erwachsenenlebens. Dieser Tag war Freitag, der 30. November 2001. Jedenfalls trägt die Sonderseite, die die Kollegen für mich umbrochen hatten, dieses Datum. Diese Seite mit dem Titel "Angelo Niklas" gehört eigentlich in ein Raritätenkabinett oder in ein Museum.

Apropos Angelo Niklas. Das ist mein Pseudonym, das ich benutze, wenn ich Lyrik veröffentliche. Beim Lyrischen Oktober im Schwarzwald und bei der Süddeutschen Zeitung kannten sie mich in den 80er Jahren nur unter diesem Namen.

Den bemerkenswertesten Beitrag der Sonderseite hatten die Kollegen vom Weilburger Tageblatt geliefert. Eine Bildleiste von mir als Fußballer, als Liedermacher und als Alleinerziehender mit dem kleinen Ragnar. Zehn Jahre habe ich immerhin in dem barocken Haus auf dem Weilburger Marktplatz meine Brötchen vedient.

An diesem Freitag stürmten die Nachrichten-Kollegen die Redaktion zu einer Zeit, in der ich gewöhnlich ganz alleine am Computer saß. Der Dienst der Leute, die vor allem die beiden ersten Seiten bauten, begann eigentlich erst um 13 Uhr. Aber am 30. November 2001 erschienen sie schon um 10 und verstießen sofort gegen ein strenges Gesetz. Nach wenigen Minuten knallten nämlich an allen Ecken und Enden die Sektkorken. Das Alkoholverbot hatte seine Gültigkeit verloren. Nappi und das "Scheißding aus dem Hinterland" brachten belegte Brötchen und duftenden Kaffee. Gesa, die Hospitantin aus Marburg, hob mich aus meinem Sessel und drehte mich im Kreis. Für die Musik sorgten die Volontäre Anja und Henrik mit ihren Gitarren.

Nach diesem außergewöhnlichen Frühstück zogen sich alle hinter ihre Bildschirme zurück. Erleichtert nahm auch ich meine Arbeit wieder auf. Viel hatte ich nicht zu tun an diesem letzten Tag in der Redaktion. Das Wochenendmagazin lag fertig in der Montage. Und für die Kulturseite brauchte ich höchstens drei Stunden.

Gegen zwölf ertönte ein lauter Gong. Thomas, Gerdi, Alex, Rolf und Volkmar von der Sportredaktion bauten sich vor mir auf und überreichten Geschenke. Eine Urkunde über meine Qualitäten als Mensch und Journalist sowie Eintrittskarten für zwei Spiele meines geliebten 1. FC Kaiserslautern. Die fünf Nachbarn wurden genötigt, ihre fahrbaren Stühle zu holen und sich zu uns zu setzen, denn nun gab es Mittagessen: Kartoffelsalat und riesige Würstchen. Die Augen strahlten wie die von Kindern in den 50er Jahren während der Bescherung an Heilig Abend. Auch der Chefredakteur erschien, den wir heimlich "Kommodore" nannten, weil dieses Wort bei seinem Vorstellungsgespräch auf seinen Manschetten gestanden hatte. Einige aber bedachten ihn mit dem Namen "Milosevic". Wegen seines rigorosen Führungsstils. Als er mit dem Messer an sein Glas klopfte, erschrak ich. Und tatsächlich: Er erteilte mir das Wort. Ich sollte eine Rede halten. Nach ein paar peinlichen Sekunden erlöste er mich: "Na gut, ich nehme Ihnen diese Aufgabe ab. Als ich mein Amt hier antrat und Herrn Keil zum ersten Mal zu Gesicht bekam, dachte ich geringschätzig: Was ist denn das für ein verhuschtes Männlein? Aber dann hatte ich einen heftigen Zusammenstoß mit ihm. Er verteidigte einen Volontär, den ich – zu Unrecht – in die Pfanne gehauen hatte. Meine Damen und Herren, dieser Bursche hat Charakter! Dieser Bursche hat Eier!"

Als ich tatsächlich anfing zu weinen, schlug mir Dr. Marinos, der Nachrichtenchef, aufmunternd auf den Rücken. Und Gesa schickte mir einen Handkuss. Ohne Übergang  stimmten sie ein Lied an. Nach dem Schlager "Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein" von Reinhard Mey sangen sie für mich, den "Mann mit der Prinz-Einsenherz-Frisur", eine ergreifende Ballade, deren Text ich abgeheftet, aber nicht wiedergefunden habe. Eine Stelle weiß ich noch. Sie reimten "Pudel" auf "Nudel". Pudel in Anspielung auf meine wöchentliche Kolumne DES PUDELS KERN, die ich noch 13 Jahre weiterschreiben durfte. Und Nudel wurde zu Ulk-Nudel, die ich ihrer Meinung nach war.

Als ich darauf hinwies, dass ich auch meine allerletzte Seite pünktlich bis 18 Uhr abzuliefern hätte, lachte Thomas: "Fredo, wir haben mit denen draußen verhandelt. Du musst heute erst um Mitternacht liefern. Genieß deine letzten Stunden im Großraumbüro!"

Nach dem Vanille-Pudding wollten alle der Reihe nach mit mir tanzen. Gesa küsste mir dabei tatsächlich auf den Mund.

Meine "letzten Stunden" rauschten vorbei. Meine Samstagsseite, meine allerletzte Seite, gehörte nun nicht mehr mir. Die Damen räumten das Geschirr ab, und außer Thomas, der Wache halten musste für den Fall, dass draußen in der Welt noch etwas Wichtiges passierte, schickte die Mannschaft sich an, nach Hause zu fahren. Zum Abschied umarmten sie mich alle: Dr. Alexander Marinos, Wolfgang, Iris, Verena, genannt Nappi, Michael, Thomas, die Volontäre Sven, Anja und Henrik sowie das "Scheißding aus dem Hinterland", dessen bürgerlicher Name mir nicht mehr einfallen will.

Warum Gesa fehlte, hörte ich auf dem Parkplatz: "Fredo, du bist viel zu aufgewühlt. So kannst du nicht Auto fahren. Komm, wir kehren noch irgendwo ein."

Wir landeten beim Hax'n-Franz, und sie fragte mich aus nach Strich und Faden. Sogar meinen ersten Kuss musste ich haarklein schildern.

Als der Hax'n-Franz Feierabend machte, steuerte sie auf den Parkplatz der Zeitung zurück. Aber wir stiegen nicht aus. Gesa nahm mein Gesicht in ihre Hände und küsste mich. Diesen Kuss habe ich genossen und genossen und genossen. Er war der längste meines Lebens. Während dieses Kusses muss ich wohl – überglücklich – eingeschlafen sein. Denn als ich die Augen wieder aufschlug, ging gerade die Sonne auf. In meinen Armen lag Gesa, die mich beobachtete, die meinem Schnarchen lauschte.

"Haben wir . . . ?", wollte ich kleinlaut wissen. "Nein!", rief sie mit gespielter Empörung. "Du Schlappschwanz bist ja vorher eingeschlafen!"

Ich wagte eine letzte Frage: "Sehen wir uns wieder?" "Das dürfte schwierig werden", entgegnet

 

 

 

 

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