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Literarisches von Alfred Keil alias Angelo Niklas

 

11. November 2018

Alfred Keils Kolumne

... EIN LADEN. Ein Tante-Emma-Laden. Da habe ich sehr oft eingekauft. Einmal sogar eine hölzerne Doppelleiter, die ich heute noch zur Apfelernte benutze. Um dieses über drei Meter hohe Ungetüm von der Busecker Oberpforte bis zu uns hinter die Weiden zu transportieren, benutzte Wilfried Frank sein Kuhfuhrwerk. Gerührt nahm ich meinen Einkauf in Empfang und stellte ihn in den Holzschuppen, genau unter ein verlassenes Hornissennest.

Am nächsten Morgen legte ich Siegfrieds Erna, Wilfrieds Mutter, einen Euro-Scheck auf die Theke. "Was is'n das?", rief sie entsetzt. "So woas harre mer jo noch nie!"

Geduldig erklärte ich der alten Frau die Beschaffenheit des Stücks Papier. Aber ihr Argwohn blieb: "Do muss ich easchd emol de Wilfried freeche. – Da muss ich zuerst einmal den Wilfried fragen." Und sie verschwand in der Wohnung, um nach langen Minuten wieder ihren Platz hinter dem Ladentisch einzunehmen. Nun sprach sie Hochdeutsch: "Der Wilfried meint, wir könnten Ihnen vertrauen."

Am Tag darauf hatte ich in der Sparkasse zu tun; dabei nahm ich auch meine Kontoauszüge mit. Wieder musste ich vor Rührung lächeln. Denn der Betrag für die Leiter war bereits abgebucht.

Ich ging weiter bei "Siechfrieds Erna" in der Oberpforte 7 einkaufen. Schon wegen des originellen Verhaltens der Inhaberin. Erna Franck, geborene Siegfried, addierte die Preise der verschiedenen Posten auf einem Zeitungsrand. Einmal spürte sie, dass ich sie beobachtete: "Lach net, ich kann's aach off em Computer!" Und zwei andere Kunden taten so, als glaubten sie ihr.

Die Jahre gingen ins Land. Siegfrieds enger Kolonialwaren-Laden mit den schlichten Holzregalen lieferte weiterhin, was die treuen Kunden begehrten: Nahrungsmittel, Waschpulver, Ofenrohre, Putzeimer, Werkzeuge und viele Dinge, die man in den Supermärkten von heute nur noch ab und zu als Sonderangebote bekommt.

In der guten alten Zeit stand an dieser Stelle das "Gasthaus zum Ritter", das auch Fremdenzimmer im Angebot hatte. Während des Zweiten Weltkriegs, als kein Personal mehr zur Verfügung stand, machte der "Ritter" dicht.

Ernas Vater starb im Alter von 41. Ihr Bruder und ihr Ehemann kehrten von der Front nicht mehr zurück. In den 50er Jahren erweiterte Erna trotzdem ihren Laden. Sie und ihr Sohn Wilfried, Jahrgang 1939, betrieben nebenher auch noch eine kleine Landwirtschaft, deren Erzeugnisse sie an der Oberpforte feilboten.

Erna und Wilfried fürchteten nicht die Konkurrenz der Supermärkte. Solange auch Leute aus den Nachbardörfern kamen, um einen Besen oder weiße Feinripp-Unterwäsche zu kaufen, mussten sie nicht darben.

Aber schließlich sahen sie sich dann doch gezwungen zu schließen. Erna verließen die Kräfte. Und Ende 2009 warf sie den letzten Blick in ihren geliebten Laden, in dessen Schaufenster so mancher Handzettel über meine literarischen Umtriebe geklebt hatte. Am 2. Januar 2010 segnete die 99jährige das Zeitliche.

Bald darauf betrat ich das immer noch geöffnete Geschäft. Wilfried hatte "Ausverkauf" auf ein Stück Pappe geschrieben, das an der Eingangstüre hing. Ich erstand zwei Bügelsägen, zwei normale Hämmer, einen Fäustel, zwei Besen und die letzte Garnitur Unterwäsche. Der Laden war fast leer. Nach 186 Jahren.

Wilfried bat mich in die Wohnküche. Im Sessel der Mutter lehnte ein großes Foto von ihr. Schließlich erzählte er auch weniger schöne Dinge aus ihrem gemeinsamen Leben. Vor allem, warum er ledig geblieben war. Als ich mich verabschiedete, sagte er: "Solange ich Frucht in der Scheune habe, behalte ich meine Hühner. Du kannst weiterhin deine Eier bei mir kaufen."

Es dauerte keinen Monat, bis auch dieser Pfad in die Vergangenheit verschüttet wurde. Wilfried berichtete, ein Türke sei gekommen, habe für eine Familienfeier alle Eier und ein Huhn gekauft. Zwei Tage später sei dieser Kunde wieder erschienen und habe sein gesamtes Hühnervolk verlangt. Da sah ich, dass Wilfried ein alter Mann geworden war. Er musste sich setzen. Eine Hand zitterte.

Zum letzten Mal begegnete ich ihm im Edeka-Markt, dessen Gebäude sie genau dort errichtet haben, wo mein Sohn und ich früher Fußball spielten. Wilfried sprach nur noch über ein einziges Thema: Auch er sei nun mit seinen Kräften am Ende. In der Nacht zum 24. Februar 2017 schloss er für immer die Augen.

 

 

 

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