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Literarisches von Alfred Keil alias Angelo Niklas

 

15. April 2018

Alfred Keils Kolumne

... EINE MESSE. Die dritte "Mini-Pressen-Messe" im Gewölbesaal des Kurfürstlichen Schlosses zu Mainz. Zwar konnte auch im Oktober 1974 die Forderung "Jedem Dichter seine Kleinoffsetmaschine!" nicht erfüllt werden, aber über hundert Klein- und Kleinstverlage stellten in der von der Stadt Mainz veranstalteten Messe die Wahrheit dieses Werbeslogans unter Beweis: "Bücher, die man sonst nicht findet". Vieles, was bei den "Großen" frühestens 1975 wahrgenommen (und abgelehnt) wurde, war hier im Schnellverfahren längst geschrieben, übersetzt und gedruckt. Und in Windeseile wurde es in Mainz auch verkauft oder verschenkt.

Profit machte kaum einer. Vor allem bediente man im Gewölbesaal die "Underground-Bewohner", denen das Schicksal der eigenen Seele das wichtigste Anliegen ist.

Keiner hat die ausgestellten Bücher – oft waren es nichts als Heftchen, deren Lektüre nur Minuten dauerte – gezählt. Allzuviel wurde von mittellosen Freaks einfach eingesteckt. Allzuviel wurde zwischendurch angeschleppt und auf die Tische gelegt.

Nach der Frankfurter Mammutveranstaltung war die Mini-Messe die reinste Erholung. Und das, obwohl die Ego-Trips einiger sich selbst überschätzender Autoren auf die Nerven ging. Der Frankfurter Moslem Hadayat-Ullah Hübsch versuchte vergeblich, den Mythos vom "Wir" mit Leben zu füllen und die Vertreter der "neuen deutschen Szene" zu einem Erfahrungsaustausch zu bewegen. Ein Zuhörer kommentierte: "Religion ist eben besser als Politik!" Es war wie auf dem Waldeck-Festival 1969: Eher sind tausend Flöhe unter einen Hut zu bringen als zwanzig Menschen auf einen Nenner, von denen jeder den eigenen Bewusstseinsprozess als allgemeingültig ansieht.

Zwei Bücher machten Furore: "Psychedelische Erfahrungen (Ein Handbuch nach Weisungen des Tibetanischen Totenbuchs)" von Timothy Leary, Ralf Metzner und Richard Alpert sowie "Reise nach Ixtlan" von Carlos Castaneda. In beiden Werken wird das abendländische Realitätsverständnis in Frage gestellt. Diese Bücher waren zur damaligen Zeit unter den jungen Leuten, was Bibel und Gesangbuch für die Kirchgänger sind. Dave Potter, Underground-Poet aus den USA, formulierte: "Der Underground hat einen neuen Stil geschaffen, eine Art zu sein und sich zu geben. Mit unserer bloßen Existenz, mit unseren Kleidern, Versen, Liedern und Begriffen durchbrechen wir ein soziales System, das die Individuen uniformiert und alle Lebensäußerungen nivelliert."

Beileibe nicht jeder Vertreter der Alternativ-Literatur schätzte seinen Nachbarn, mit dem er oft nur eins gemeinsam hatte: das Vertriebsproblem. Immer neue Verlage entstanden deshalb, immer mehr Verlage schlossen deshalb ihre Pförtlein.

Unter den klitzekleinen Bertelsmännern waren auch Repräsentanten alternativer Bewegungen. Werner Pieper verkaufte den "Grünen Zweig", die Zeitung der "Grünen Kraft", die die so genannte Landbewegung propagierte: "Die leben da wie die alten Germanen!" Auch Carl-Ludwig Reichert habe ich getroffen, der inzwischen berühmt geworden ist: "Die Indianer erhalten sorgfältig das ökologische Gleichgewicht ihres Lebensraums".

Die meisten jedoch waren Einzelkämpfer wie "Haschmi" (Hans Schmid), der "maulende Großvater von Mainz". Er stellte sich vor als Wahlkampf(hilfs)motor für die Bürgerrechtspartei Tübingen. Er verwendete den "Schablonen-Druck". Die Einbände seiner Werke sind exotisch. Die Auflage: ein Exemplar.

Hans Grodotzky berichtete, seine "fast heiteren Verse" seien schon achtzigmal abgelehnt worden. 500 Kilometer ist dieser "Kästner aus der Waschkaue" gefahren, um seine 54 Gedichte an den Mann zu bringen. Stückpreis: 50 Pfennige.

Auch bekannte Exoten liefen einem über den Weg. Zum Beispiel die Wetzlarer Blues-Sängerin Angi Domdey, die sich erst beim Anblick der Blätter von Gertrude Degenhardt und der Produkte der Eremitenpresse wieder beruhigte. In diesem Verlag, der in einer alten Scheune arbeitete, begegnete man Autoren wie Max von der Grün, Gabriele Wohmann und Christoph Meckel. Für Qualität bürgten weiterhin Dorothee Sölle und Ulrike Meinhof.

Angefreundet habe ich mich damals mit diesen beiden: mit dem "Neckermann des Undergrounds" Josef Wintjes aus Bottrop und seiner rechten Hand, dem Düsseldorfer Drucker Max Ronge. Über Wintjes, der kurz zuvor noch "Kanonen bei Krupp gegossen" hat, könnte man ganze Bücher schreiben. Der indianisch angehauchte Max Ronge würde sie sicher liebend gerne drucken.

 

 

 

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