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Literarisches von Alfred Keil alias Angelo Niklas

 

29. Dezember 2019

Alfred Keils Kolumne

... EIN SPAZIERGANG zum Beuerner Burghain. Dorthin, wo die Eltern meines Vaters das Forsthaus bewohnten. Aber das lag Jahre zurück. Der Försteropa hat 1954 das Zeitliche gesegnet, die Försteroma lebte noch bis 1973. Meine Eltern, meine beiden Geschwister und ich, wir schlugen den Waldweg direkt oberhalb des Gebäudes ein, als mein Vater plötzlich sagte: „Wir müssen auf die Uhr schauen. Das Spiel beginnt um sieben. Wenn wir den Fernseher zu spät einschalten, verlieren sie.“

Ich hockte auf dem schmalen Grasstreifen zwischen den steinigen Spurrillen und hob mit einem wunderschönen Reklamemesserchen eines Limonaden-Herstellers, das mein Vater später zum Säubern der Schuhe benutzte, ein Pflänzchen aus dem Boden. Ein klitzekleines Eichbäumchen. Das wollte ich unbedingt retten. Denn der nächste Traktor oder das nächste Zugpferd hätte es wahrscheinlich zerquetscht.

Wieder zu Hause hinter den Busecker Weiden, füllte ich Wasser in einen Messbecher und stellte das Bäumchen hinein. Im Waschküchenfenster sollte es warten, bis das Viertelfinale gegen England überstanden war. Doch obwohl wir rechtzeitig vor dem Bildschirm saßen, stand es zur Halbzeit 0:1, und in der 49. Minute fiel sogar das 0:2.

Dann folgte etwas, was ich „die Arroganz des Siegers“ nenne. Die Tommys glaubten, schon gewonnen zu haben, und nahmen in der 68. Minute den legendären Bobby Charleton vom Feld, um ihn für das folgende Spiel zu schonen. Noch in derselben Minute gelang Kaiser Franz mit einem unnachahmlichen Flachschuss der Anschlusstreffer. Auch das 2:2 in der 82. Minute bleibt mir wohl bis an mein Lebensende in Erinnerung. Einen Eckball drückte Uns Uwe mit dem Hinterkopf in die Maschen. Eine Minute zuvor hatten die Engländer noch einen anderen Leistungsträger ausgewechselt. Nämlich Martin Peters, der das 2:0 erzielte. (Martin Peters starb am 21. Dezember im Alter von 76 Jahren.) Als der rettende Ausgleich fiel, waren wir uns am Fernseher einig: Die Engländer haben sich verzockt! Jetzt gewinnen die Deutschen! Dafür sorgte in der Verlängerung, genauer gesagt, in der 108. Minute, Kleines Dickes Müller. León gehörte uns! Wir standen im Halbfinale der Fußballweltmeisterschaft 1970 in Mexiko!

Das Bäumchen holte ich erst am nächsten Tag aus der Waschküche. Ich ließ mir von unserer Mutter einen mittelgroßen Blumentopf geben und holte ein paar Handvoll Erde aus dem Garten. Das Bäumchen besaß nun eine sichere Bleibe.

Der Blumentopf mit „Merlins Baum“ begleitete mich nach Biedenkopf, wo er auf einer hellen Fensterbank wartete, bis ich 1972 die Lahn entlang wieder nach Süden zog. Künftig verdiente ich in Weilburg meine Brötchen. In der Zwischenzeit hatte ich geheiratet, und ich sah mit Genugtuung, dass meine französische Ehefrau in unserer Löhnberger Wohnung nicht nur die bunten Blumen und Kakteen netzte, sondern auch das zierliche Bäumchen.

Als die Französin nach dem verflixten siebten Jahr unseren kleinen Sohn und mich im Nassauischen zurückließ, vermisste ich plötzlich auch das Bäumchen. Bevor Madame uns endgültig Adieu sagte, bemerkte sie ganz nebenbei: „Dein kleiner Baum sitzt übrigens draußen im Garten.“

Ich verlor einen weiteren wichtigen Menschen, nämlich meinen Vater, der einen tödlichen Autounfall erlitt. Nach zehn Jahren beim Weilburger Tageblatt wurde ich nach Wetzlar versetzt, und mein Sohn und ich zogen zur Freude meiner Mutter und meiner Schwester nach Buseck ins Elternhaus. Vor dem Umzug grub ich noch das Bäumchen aus. Drei schweißnasse Stunden habe ich gebraucht, bis ich die Wurzeln aus der fremd gewordenen Erde befreit hatte.

Feierlich suchten wir, mein inzwischen achtjähriger Sohn Ragnar und ich, für den halbwüchsigen Baum einen neuen Standort hinter den Weiden. Dort fühlte sich die Deutsche Eiche sofort sehr wohl, denn sie wuchs überaus schnell. Bald konnte ich mich gegen sie lehnen, bevor ich abends nach  getaner Arbeit das Haus betrat. Ich hielt Zwiesprache mit ihr. Schöne Dinge, die ausgedient hatten, und die Erstfassungen meiner Gedichte grub ich zu ihren Füßen ein. Wie liebte ich dieses Ritual! Bald begann ich jedoch, die unteren Äste zu kappen, damit ich mit dem Rasenmäher an den Stamm herankam. Von den dicken Ästen sägte ich Scheiben ab, auf die ich mit dem Lötkolben Mandalas brannte. Einige davon habe ich schon verschenkt.

Auch mein Sohn hat jetzt einen Sohn. Der nutzt Merlins Baum ganz anders als ich, nämlich als Klettergerüst. Meinen Ruf „Halt dich fest! Fall nicht runter!“ quittiert er mit einem nachsichtigen Lächeln.

Die Nachbarn auf der anderen Seite der Straße bewundern den Riesen, diesen grünen Kontinent der Vögel und Eichhörnchen. Als der Sturmwind neulich mit Macht hineinfuhr und die Äste anfingen zu tanzen, rief Daniel von schräg gegenüber: „Das ist ja phantastisch!“ Aber die Familien links und rechts von uns schimpfen. Und zwar über die vielen Blätter, die zweimal im Jahr in ihre gepflegten Gärten wehen. Gisela weist immer wieder darauf hin, dass die Eichenblätter den Boden säuern. Herbert und Ernst haben schon lachend mit der Motorsäge gedroht. Uschi gegenüber hat den Baum ins Herz geschossen. Sie will ihn verteidigen „bis zum letzten Blutstropfen“. Daniel, der den Konflikt inzwischen mitbekommen hat, wischte unseren Schmerz mit einer Handbewegung vom Tisch: „Der Baum bleibt stehen! Künftig reche ich persönlich die Blätter zusammen! Von mir aus alle 14 Tage, wenn’s sein muss!“ Natürlich lassen wir ihn das nicht alleine machen.

Wer nicht weit vom Baum mit uns am wärmenden Feuerkreis sitzt, während die Kraniche trompetend nach Spanien oder gar nach Afrika ziehen, der hat die Motorsäge wohl für immer vergessen.

 

 

 

 

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29. Dezember 2019 Es war einmal ein Spaziergang

 

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