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Literarisches von Alfred Keil alias Angelo Niklas

 

11. Oktober 2020

Alfred Keils Kolumne

... EINE ZEIT, da ich öfter und länger in Nord-Frankreich weilte als in meinem oberhessischen Elternhaus. Lille feiert seit dem zwölften Jahrhundert jedes erste Wochenende im September seine berühmte Braderie, seinen gigantischen Flohmarkt, der die gesamte Altstadt lahmlegt. Aber vor allem Paris wirkte auf mich wie ein Magnet.

Am Dienstag, dem 20. Juni 1972, streiften wir zu viert durch diesen Mythos, den ich bis zu jenem Sommer nur aus Büchern kannte. Wunderbare Namen, die nie mehr ihren Klang verlieren werden: der Louvre, Notre-Dame, Montparnasse, der Eiffelturm, der damals schon anfing zu rosten, Sacré-Cœr, Montmartre, La Place du Tertre.

Eigentlich müsste ich diese Eindrücke, diese Erlebnisse von damals wieder auffrischen. Aber ich fürchte, dass ich enttäuscht wäre. So erging es mir jedenfalls in Montréal. Als ich 2002 das erste Mal dort war, glich ein dreistündiger Spaziergang, eigentlich war’s ja eine Wanderung, der Lektüre eines spannenden Romans. Aber schon der zweite Besuch zeigte mir alles nur noch grau in grau.

Meine quirlige Ehefrau Marie Pierre, ihre schwangere Schwester Brigitte und die gemeinsame Freundin Claire erlebten nicht dasselbe wie ich. Als ich den Hinweis „Place du Tertre“ las, versuchte ich, mir jeden Pflasterstein einzuprägen. Meine drei Damen aber wollten sich ausruhen und setzten sich in ein schmuckes Café. Ich hingegen beobachtete die malenden Männer und Frauen. Ich schritt von Staffelei zu Staffelei. Einer der Künstler wandte sich mir zu ­– und ich erschrak! Vor mir sah ich das Gesicht des legendären Malers Henri de Toulouse-Lautrec!

Der kleine, bärtige Mann lächelte nachsichtig und sagte: „Ja, ich weiß. Deshalb nennen mich die Leute hier in der Gegend auch nach ihm: Toulouse. Darf ich Sie um etwas bitten? Ich muss einmal für eine halbe Stunde weg. Könnten Sie solange auf meine Sachen aufpassen?“

Ich nickte. Dennoch war mir die Angelegenheit nicht geheuer. Er hatte mich noch nie gesehen, und trotzdem vertraute er mir.

Ich setzte mich vor sein angefangenes Bild. Diese gespachtelte Fassade eines Hauses faszinierte mich, ohne dass ich wusste warum. Es juckte mich in den Fingern. Ich begann zuerst zaghaft, dann immer flotter, ein angedeutetes Fenster zu vollenden.

Als der Meister zurückkam, schaute er zuerst das Bild an, dann mich: „Ja, genauso musste es werden.“

Am Abend mündete der bunte Trubel in ein Fest unter den Sternen.

Meine Damen verstanden, dass ich etwas Besonderes erlebt hatte, und kehrten mit mir zu den Künstlern zurück. Toulouse stellte sich auf eine Kiste und hielt eine blumige Rede, von der ich nicht die Bohne verstand. Manchmal schauten die Leute in meine Richtung.

Nach dem Maler kletterte ein englischer Doktor auf die Kiste, um das Gemälde in seiner Sprache zu interpretieren. Dann nahm er ein Bündel Scheine und schob es Toulouse in die Westentasche. Toulouse pfiff durch die Zähne, teilte das Bündel und drückte mir die Hälfte in die Hand.

Nach der dritten Flasche Wein schaffte ich es, ihm meinen „Anteil“ unbemerkt zurück zu den anderen Scheinen zu stecken.

Im Gegensatz zu ihm bekam ich in Deutschland jeden Monat mein festes Gehalt. Er aber lebte von seiner Kunst.

Es ging gegen zwei, als wir einsahen, dass Brigitte, die werdende Mutter, unbedingt ins Bett gehörte. Wir saßen kaum im Auto, da schlief sie auch schon ein.

Beim nächsten Mittagessen klopfte mir mein Schwiegervater auf die Schulter. Er war stolz darauf, dass ich mich in seinem Land schon so zu Hause fühlte.
 

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