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Literarisches von Alfred Keil alias Angelo Niklas

 

10. Juni 2018

Alfred Keils Kolumne

... EIN BAND. Hellgelb mit verblasster Goldschrift. Und handlich war er auch. Lange Zeit kannte ich nur seinen Titel. Er gehörte meinem besten und ältesten Freund, der schon mit meinen Großvätern und mit meinem Vater eine enge Freundschaft pflegte. Auch meinen Sohn nannte er seinen Freund. Oft redete er den kleinen Jungen mit "Räuberhauptmann von Kapernaum" an. Und mich empfing er jahrzehntelang mit den Worten: "Knäblein, ich habe Ehrfurcht vor deinem grauen Haupte."

Ich ging noch zur Schule, da tat mein Freund Wilhelm manchmal sehr geheimnisvoll. Er redete dann von besagtem Band. Meine Bitte, mir "Das Buch Emanuel" einmal zu borgen, quittierte er mit einem Kopfschütteln: "Wenn du soweit bist, geb' ich's dir."

Als er die Zeit für gekommen hielt, hatte ich fast die 40 erreicht. Kurz bevor ich in eine Reha-Klinik einrücken musste, brachte er es vorbei. Aber nicht einfach so. Er hatte es eingewickelt in Packpapier und Fensterleder. Und er äußerte eine Bitte. Nein, keine Bitte, eher einen Auftrag: "Nimm es mit, lies es, und wenn du wieder hinter den Weiden bist, erklärst du mir alles."

Ich staunte nicht schlecht. Nicht er, der Fähnrich aus dem Zweiten Weltkrieg, wollte das Geheimnis lüften. Ich, der Nachgeborene, sollte diese Aufgabe übernehmen.

Zunächst einmal rümpfte ich die Nase. Kein Erscheinungsjahr. Natürlich auch keine ISBN-Nummer. "Das Buch Emanuel" von Bernhard Forsboom kam im Drei-Eichen-Verlag München heraus. Das Vorwort zur ersten Auflage stammt aus dem Jahre 1897. Doch schon der Beginn der Einleitung sagte mir, dass sich die Lektüre lohnen würde: "Zwei Wege führen den Menschen zur Erkenntnis der Wahrheit: der Weg des Forschens, Denkens, Rechnens, Experimentierens – und der Weg der Eingebung, der Offenbarung."

Vier Wochen lang las und studierte ich diese hellgelbe Schwarte mit der goldenen Aufschrift. Ich wollte mich vor meinem alten Freund im Grünberger Weg nicht blamieren und schrieb ganze Passagen ab. Bald verstand ich, warum der Sohn von Finkensiepers Fritz so hinterm Berg gehalten hatte. Es ging um eine Grenzwissenschaft, die sein eigener Sohn bei unserer letzten Debatte entschieden ablehnte, und zwar mit den Worten: "esoterischer Scheiß!"

Wilhelm und ich, wir waren schon mit religiösen Autoritäten, mit dem kirchlichen Establishment, zusammengerasselt und hatten die Nase voll von all dieser weichgespülten Theologie und auch von der ewigen Verdammnis, die von der hohen Geistlichkeit erfunden wurde, um die Massen bei der Stange zu halten. Zu gewissen Zeiten konnte man sich aber von der Hölle oder vom Fegefeuer freikaufen. Mit dem Geld aus diesem Kuhhandel, den sie "Ablass" nannten, wurde angeblich der Petersdom in Rom gebaut.

Die Massen haben jedoch heute keine Angst mehr vor der ewigen Verdammnis. Die Massen sitzen heute in den Fußballstadien und natürlich vor dem Computer. Die Kirchen dagegen sind ziemlich leer. Jedenfalls die evangelischen.

Wilhelm und ich, wir forschten weiter. Enttäuschende Erfahrungen machten wir. Fast alle reagierten auf unsere Äußerungen mehr oder weniger aggressiv oder  höhnisch: Theologen, Kirchgänger, Evangelikale, Fundamentalisten, Philosophen, Agnostiker, Atheisten. Außerdem, man höre und staune, Demokraten, Liberale und Intellektuelle. Dennoch träfe es der Nazarener heute besser. Jedenfalls in unserem Land. Ihn zu kreuzigen, wäre gegen das Gesetz. Aber man kann unbequeme Querdenker und Außenseiter immer noch relativ leicht beseitigen. Man steckt sie in eine geschlossene Anstalt. – Sie ist noch lange nicht besiegt, die Inquisition.

Dann verschwand Das Buch Emanuel, dieses alte Werk mit Botschaften aus dem Jenseits, wieder in den Reihen der historischen und philosophischen Schriften. Das Thema aber blieb lebendig. Viele Jahre besuchten Wilhelm und ich die Vorlesungen des Heidelberger Pädagogen Professor Dr. Antonius Sommer: Keine kitschige Frömmigkeit, keine Besserwisserei. Einfach nur das, was in der Bibel an der Tagesordnung ist: Medial begabte Menschen empfangen das Wort Gottes und sagen es weiter.

Wilhelm Weller starb viel zu früh. Am 13. Juli 1998 im Alter von 73 Jahren. Immer wieder bat ich seine Familie, einen Blick in seinen Bücherschrank werfen zu dürfen. Ich war auf der Suche nach dem Buch Emanuel. Aber ich fand es nicht.

19 Jahre später starb auch Gretel, Wilhelms Frau. Welche Freude erlebten wir, als  sich Fabian, Wilhelms jüngster Enkel, bereiterklärte, das Haus im Grünberger Weg zu übernehmen. Fabian, sein Vater Manfred und ich setzten uns kurz nach der Beerdigung in Gretels Küche zusammen, diskutierten und tranken Bier. Schließlich landeten wir unterm Dach, wo alte Schränke die Zimmerchen füllten. Auch hier Buchrücken an Buchrücken. Alles jedoch keine literarischen Titel. Da sie in Zweierreihen standen, zog ich ein paar heraus, nicht davon ausgehend, dass Wilhelm unser Relikt hinter Kinderbüchern und Ganghofer versteckt haben könnte. Schon beim zweiten Griff die Goldschrift: Das Buch Emanuel!!

Manfred und Fabian freuten sich mit mir. Und nun musste ich erklären, warum mir das Buch so wichtig ist.

 

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